Susanne* (39) war seit knapp neun Jahren verheiratet und fest davon überzeugt, dass ihr Mann bestimmt nie fremdgehen würde. “Zu meiner Freundin habe ich mal gesagt: ,Ich könnte Ralf eine andere Frau nackt auf den Bauch binden – und er würde bloß rennen, um sie wieder los zu werden…’, erinnert sie sich heute und seufzt: “Na, da lag ich ja ganz schön falsch.”
Die Affäre ihres Mannes kam, wie so viele Seitensprünge, nur durch einen “dummen Zufall” heraus. Susanne: “Ralf hatte mir erzählt, dass er auf einer Schulung sei. Da er im Vertrieb arbeitet, standen öfter mal Weiterbildungen an. Ich hatte überhaupt keinen Verdacht geschöpft.” Denn auch in der Beziehung war Ralf, so Susanne heute, “eigentlich wie immer. Wir führten eine, für mein Empfinden, gute Ehe. Hatten zwei gemeinsame Kinder, die mittlerweile langsam aus dem Gröbsten waren. Wir konnten gut zusammen an unserem Haus bauen, gemeinsam im Garten werkeln, hatte tolle Familienurlaube an der Nordsee – und auch finanziell standen wir auf einigermaßen sicheren Beinen. Eigentlich war alles perfekt…”
Eigentlich? “Nun ja, im Bett lief bei uns nur noch ganz wenig. Aber ganz ehrlich: Haben Sie mal mit Ihren Freundinnen gesprochen, was – und ob überhaupt – bei denen noch sexuell läuft, wenn man über fünf Jahre verheiratet ist und Kinder hat?” Laut Susanne läuft da fast nirgendwo mehr etwas. “Und wenn dann nur ,husch-husch, schnell-schnell’, da ist es dann eher eine Pflichtübung…”
Tja, Susanne dachte also, ihr Mann sei auf einer Verkaufs-Schulung. “Abends klingte das Telefon bei mir. Mit Ralf hatte ich schon gesprochen, kurz die Neuigkeiten ausgetauscht, er wollte mit seinen Kollegen noch kurz in die Bar gehen, sein Handy ausschalten…”
Als Susanne den Hörer abnahm, war ein fremder Mann in der Leitung. “Er fragte mich, ob ich denn gar nicht wisse, dass Ralf mit einer anderen Frau – seiner Ehefrau! – ein Verhältnis hat. Ich war total geschockt und habe das erst einmal abgestritten, gesagt, dass der Mann sich bestimmt irren würde.”
Der gehörnte Ehemann hatte sich aber nicht geirrt: In der Tat handelte es sich um eine Kollegin von Ralf. Susanne: “Das Vertriebs-Seminar war erfunden, in dem Hotel in Stuttgart war Ralf aber tatsächlich abgestiegen: mit ihr!”
Zwei Drittel der Deutschen hatten bereits eine Affäre am Arbeitsplatz oder können sich das vorstellen, fand die Online-Jobbörse “Monster” in einer Umfrage heraus.
Als Ralf wieder nach Hause kam – und so tat, als wäre nichts geschehen – war Susanne immer noch so geschockt, dass sie drei Tage brauchte, bis sie ihn zur Rede stellte: “Ralf war zwar geschockt, dass ich seinen Seitensprung entdeckt hatte und hat mir vorgeworfen, dass ich ihm nachspioniert habe, aber dann war sein Zorn plötzlich wie verflogen -alles tat ihm unendlich leid. Und wir beide waren sehr traurig.
Ralf wollte Susanne nicht verlieren, wollte sein Leben mit ihr, mit seiner Familie, nicht aufgeben. “Und ich habe trotz meines Zorns, meiner Trauer, meiner Enttäuschung gemerkt, wie sehr ich ihn dennoch liebe. Also haben wir beschlossen, dass unsere Freundschaft, unsere Familie, unsere Liebe – auch wenn sie irgendwann irgendwo auf der Strecke geblieben war – uns so viel wert ist, dass wir um unsere Ehe kämpfen wollen,” erinnert sich Susanne.
Die Hauptgründe für einen Seitensprung sind:
- Mangelnde Zärtlichkeit
- Unbefriedigende Sexualität
- das Gefühl von immer größerer Entfremdung zwischen den Paaren
- der Wunsch nach “Abenteuer” im Leben und die Sehnsucht, dem Alltagstrott zu entfliehen
- die Suche nach Selbstbestätigung
- eine “günstige” Gelegenheit
Susanne und Ralf haben sich professionelle Hilfe geholt, sie haben eine Paartherapie gemacht.
“Wir haben dort gelernt, dass wir uns als Paar im Alltagstrott nicht verlieren dürfen, dass wir nicht nur am Zusammenhalt der ganzen Familie arbeiten müssen, sondern dass wir uns auch Freiräume nur für uns als Paar suchen müssen. Und wir haben gelernt, wieder miteinander zu reden: über uns als Paar, nicht nur über uns als Eltern.”
Hat eine Beziehung noch eine Chance nach einem Seitensprung? US-Paartherapeutin Frances Pittman stellte fest, dass es bei Beziehungen, die schon über fünf Jahre andauerten, nur in 20% der Fälle zu einer endgültigen Trennung kommt. Die anderen 80 Prozent schaffen es, den Treuebruch zu überwinden, gemeinsam zu verarbeiten – und dadurch sogar ihre ganze Beziehung zu verbessern.
Der Weg zu einer besseren Beziehung war allerdings weit. “Natürlich war ich total sauer auf Ralf, ich fühlte mich so betrogen, ausgenutzt und schlecht behandelt! Und genau das habe ich ihm natürlich auch an den Kopf geknallt. Ich habe ihn mit all meinen Gedanken, Enttäuschungen, Tränen, mit meiner Angst und meiner Wut konfrontiert. Nach ein paar Sitzungen beim Therapeuten hat mir dieser allerdings dann klar gemacht: Wenn ich Ralf verzeihen will, dann muss ich das jetzt tun. Und zwar bedingungslos. Dann darf ich keine Wiedergutmachungen von Ralf erwarten – es gibt dafür sowieso keine. Ich muss ihm jetzt bewusst vertrauen und darf nicht beginnen, ihn zu kontrollieren oder ihn immer wieder mit Vorwürfen zu ,überschütten’.”
Susanne und Ralf haben angefangen, einmal in der Woche gemeinsam zum tanzen zu gehen. “Zuerst haben wir einen Standard-Tanzkurs besucht, jetzt tanzen wir Tango.” Auch die Flaute im Bett ist bei den beiden Vergangenheit. “Klingt seltsam, aber es ist so, dass wir uns zuerst – auf Anraten unseres Therapeuten – regelrecht gezwungen haben, miteinander zu schlafen. Das fiel mir besonders schwer, weil ich mir vorher immer wieder vorgestellt hatte, wie Ralf mit ihr im Bett gewesen ist… Aber stellen Sie sich vor: Der Spaß am Sex und die Lust auf meinen Mann kamen zurück; je öfter wir miteinander schliefen. Es klingt wohl sehr seltsam: Aber diese “Pflicht-Hausaufgaben” unseres Psychologen haben mir irgendwie auch den Druck genommen, es unbedingt “wollen” zu müssen. Dadurch war ich entspannter, weil ich mir ja sagen konnte, dass ich es sowieso nur mache, weil es eine Hausaufgabe ist… Heute ist unsere Sexualität außerdem viel freier und offener, weil wir durch die Therapie auch gelernt haben, uns alle unsere Wünsche gegenseitig zu erzählen.”
Apropos erzählen: “Vor kurzem habe ich mit meinen Freundinnen nochmals über das Thema Sex in der Ehe gesprochen – und konnte ihnen Mut machen, dass die Ehe nicht unbedingt das Ende aller Leidenschaft bedeuten muss! Was für ein Glück, dass Ralfs Seitensprung nicht eine Sackgasse, sondern nur einen steinigen Umweg für unsere Ehe war…”
* alle Namen wurden geändert
